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Tod eines neugierigen Witzbolds

Kennen Sie die Geschichte vom sterbenden Witzbold?

Als seine Liebsten sprachlos und verlegen um sein Sterbebett versammelt waren, ließen die müden Augen des Witzbolds über die stummen Gesichter Revue passieren. "Sagt mal“, sprach er schwach, "Was ist eigentlich Facebook?“

Seine Angehörigen glaubten in dieser Frage einen letzten Witz zu erkennen, wussten aber nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. "Machst du einen Witz?“ fragte nach langer Pause seine leidgeprüfte Frau.

"Nein“, antwortete er, "ich bin nur neugierig. Schon lange wollte ich diese Frage stellen, doch jetzt sehe ich, dass mir die Zeit ausläuft, ohne dass ich eine Antwort bekommen werde.“ Und in diesem Augenblick verschied er.

Mir fiel diese Geschichte ein, als ich darüber nachdachte, wie viele Wörter ein Mensch braucht, um auf seine Kosten als Sinnvermittler zu kommen. Womöglich gibt es keine allgemein gültige Antwort auf diese Frage. Goethe hat in seinen Werken um die 90.000 verschiedene Wörter verwendet, Shakespeare brachte es hingegen nur auf etwa 34.000. Wer das Alte Testament auf Hebräisch zu lesen lernen will, kommt mit lediglich 6.000 Vokabeln aus.

Seit ein paar Monaten lese ich mit großem Vergnügen "Don Quijote“ auf Spanisch. Seit Jahren hatte ich vor, diesen wunderschönen dicken Wälzer anzupacken, und ich kann es jedem mit gutem Gewissen empfehlen – egal ob in Übersetzung oder im Original. Mich hat überrascht, mit wie wenig Sprachzierde Cervantes auskommt. In den vielen Dialogen des Buches stellt man zum Beispiel fest, dass der Autor nie auf die Idee kommt, das Wort "sagte“ (Spanisch "dijo“) zu variieren: "sagte Don Quijote“, "sagte Sancho Panza“, "sagte Don Quijote“ usw. Cervantes hat scheinbar kein Bedürfnis stilistische Wiederholungen zu vermeiden, wie es uns in der Schule eingeschärft wurde. Kein "fragte“, "sprach“, "stotterte“, "schrie“ usw. Er fühlt sich sogar frei, uns richtige Sprachklunker zu schenken wie "Sagte Don Quijote und dann sagte er, was er ihm zu sagen hatte“ oder ähnliches. Dem entzückten Leser ist diese Schmuklosigkeit letztendlich egal.

Wie wiele Wörter braucht der Mensch? Wohl viel weniger, als man vielleicht denkt. 1920 erschien ein schmales Werk – herausgegeben vom amerikanischen Dichter Ezra Pound – mit dem Titel "The Chinese Written Language as a Medium for Poetry“ (etwa: "Das chinesische Schriftzeichen als poetisches Medium“). Der Autor, Ernest Fenollosa, ein amerikanischer Philosophie-Professor, der viele Jahre in Japan verbracht hatte, war bereits 1908 gestorben (auch er kannte das Wort "Facebook“ nicht). Fenollosa behauptet, dass der älteste Teil einer Sprache (er bezieht sich aufs Chinesische) die Zeitwörter seien. Sprache habe, seiner Meinung nach, ursprünglich mit Aktivität zu tun. Die Hauptwörter entstünden hingegen nur nach Bedarf und seien statisch. So ungefähr habe ich den Inhalt in Erinnerung.

Die Ureinwohnersprachen in Australien untermauern diese Aussage Fenollosas jedenfalls. Denn sie verfügen über sehr komplizierte und aussagekräftige Verbalsysteme. Die Zahl der Hauptwörter bleibt dagegen in ihren Sprachen bescheiden. Und wenn der australische Ureinwohner in der Muttersprache Mengen zählt, dann sagt er, "Eins, zwei, drei, viel.“

Fazit: Manchmal ist weniger mehr.

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