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Die Wolfskinder

Über das Schicksal der Rodriguez-Zwillinge, Edgardo und Edmundo, wurde in Deutschland sehr wenig berichtet.

Im August 2003 hat man sie – damals fünf Jahre alt – in der Stadt Phoenix im US-Bundesstaat Arizona aufgefunden. Sie hausten in zwei Kindergitterbetten, die vom findigen, geisteskranken Vater in fluchtsichere Käfige umgestaltet worden waren. Das Zimmer war verdreckt, und die kleinwuchsigen Kinder verfügten kaum über Sprachkenntnisse.

Der 69jährige Vater und die 42jährige Mutter wurden sogleich in Gewahrsam genommen und befinden sich bis heute wegen Kindesmisshandlung im Gefängnis.

Wie kam es dazu, dass diese Kinder so verelendeten? Kurz gesagt: Es gibt Eltern, die grausam sind. Wie sagte Tolstoj so schön? "Glückliche Familien sind alle gleich. Unglückliche Familien sind unterschiedlich unglücklich.“ In der deutschen Presse wird von solchen Fällen hierzulande auch gelegentlich berichtet. Nicht selten endet das Grauen mit dem Tod eines Kindes.

Diese verwahrlosten – bzw. in der Isolierung lebenden – Kinder werden in der Fachsprache als "Wolfskinder“ oder "wilde Kinder“ bezeichnet. Sie bezeugen durch ihre bloße Existenz das, was aus dem Mensch werden kann, wenn er – ob aus Gründen der Mutwilligkeit oder des Zufalls – fern der Welt anderer Menschen gehalten wird.

Ich kenne mich auf dem Gebiet der "Wolfskinder“ besonders gut aus. Ich habe das Thema fünf Jahre recherchiert und ein sehr ausführliches Buch darüber geschrieben.

Sprachlosigkeit ist ein sehr häufiges Merkmal dieses Phänomens. Edgardo und Edmundo waren nicht nur stumm. Sie hatten so gut wie gar keine Sprachkenntnisse. Kein Wunder. Ihre Eltern haben kaum – wenn überhaupt – mit ihnen geredet. Es gibt leider mehrere Beispiele einer solchen Verelendung eines Menschenkinds. In einem der bekanntesten Fälle geht es um ein Mädchen namens Genie aus einem Vorort von Los Angeles. 1970 wurde sie aus ihrer missligen Lage befreit, nachdem sie fast 12 Jahre in einem Käfig – ähnlich dem der Rodriguez-Zwillinge – verbracht hatte. Genies wahnsinniger Vater war aber noch perfider als Mr. Rodriguez. Er ließ seine Tochter zusätzlich jahrelang in Windeln gewickelt an ein Kindertöpfchen fesseln, damit sie sich kaum bewegen konnte. Sie sollte ihn um alles in der Welt nicht stören. In all den Jahren lernte Genie lediglich zwei Wörter: "Aufhören!“ und "Genug!“. Es läuft einem ein Schauder über den Rücken, wenn man sich das Leben des Mädchens vorstellt.

Anders als die Rodriguez-Zwillinge steckte Genie bereits in der Pubertät, als sie aus ihrem Gefängnis befreit wurde. Dies ist wichtig zu erwähnen. Denn der Fall Genie hat eine grausame Tatsache bestätigen können: Wenn ein Mensch bis zur Pubertät ohne Sprache geblieben ist, wird er nie einer Sprache mächtig werden können. Er verharrt Zeit seines Lebens ohne eine Muttersprache. Zwar hat Genie einige Sprachkenntnisse nach ihrem Martyrium erwerben können, ihr Wortschatz blieb aber klein, und sie hat die Regeln der englischen Grammatik nie verinnerlicht. Inzwischen ist das einstige Wolfskind längst erwachsen. Sie hat den Weg in die Menschenwelt aber nie ganz wiederfinden können. Sie fristet ihr Dasein in einem Institut.

Anders die Rodriguez-Knaben. Sie fanden bei einer liebevollen Pflegefamilie namens Viniegra Aufnahme – so erfuhr ich neulich in einem Nachrichtenbericht aus Arizona im Internet – und wurden im November 2007 von den Viniegras offiziell adoptiert. Aus ihnen sind glücklicherweise ganz normale Kinder geworden.

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