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Das Schöne am Pfeifen

Gestern Abend war ich im Ballett. Dies erzähle ich, nicht als blogisierender Selbstdarsteller (notabene: Das Wort "blogisieren“ habe ich eben erfunden), sondern weil ich dort ein, wie man so schön sagt, "Aha“-Erlebnis hatte.

Es geschah nach der wunderschönen von Hans van Manen choreographierten "Große Fuge“. Das Publikum brach spontan in tosenden Applaus aus. Aber jetzt die Pointe: Manche Afficionados haben, um ihrer Begeisterung eine Stimme zu geben, laut gepfiffen.

Als Amerikaner ist mir das Pfeifen als Zeichen des Überschwangs nichts Ungewohntes. Wir pfeifen immer, wenn wir etwas großartig finden. "Bei uns pfeift man nicht, wenn man Beifall spenden will“, sagte mir eine Freundin vor 32 Jahren, als mein amerikanisches Gehabe den hiesigen Verhältnissen noch nicht angepasst war. "Das Pfeifen ist stets ein Ausdruck des Missfallens.“

Und so war es auch damals. Im Konzert, im Ballett, in der Oper konnte man beliebig stürmisch klatschen, "hurra“ oder "bravo“ ausrufen, um Begeisterung kundzutun, an ein "Pfeifkonzert“ war nicht zu denken, es sei denn, man wäre mit einer Vorführung höchst unzufrieden gewesen.

Wie sich die Zeiten ändern! Heute kann man auch in Deutschland überall im positiven Sinn pfeifen. Freund Gottfried vermutet, dass der Ursprung dieses Habitus im Rockkonzert zu finden wäre und dass er sich mittlerweile auch auf andere Gebiete ausgebreitet habe. Ich glaube, er hat recht.

Doch auch wenn man heute im positiven Sinn pfeifen darf, bleibt das Wort "Pfeifen“ selbst nach wie vor ein Begriff mit vielen negativen Ober - und Untertönen. "Er hat gepfiffen“ sagt man, wenn einer verraten hat. "Ich pfeif drauf“, mault man, um betont Desinteresse zu bekunden. Und das, was ich gestern Abend im Ballett vernommen habe, hieß früher: "auspfeifen“ oder "Pfeifkonzert“. (Wie wäre es, wenn wir das Pfeifen aus Begeisterung "zupfeifen“ nennten? Auch dieses Wort habe ich gerade eben erfunden).

Beim Hauptwort "Pfeife“ gibt es ebenfalls noch keine Entwarnung. Jemanden mit "Du Pfeife“ zu beschimpfen, ist immer noch sehr starker Tobak. Nur in der Wendung "alte Pfeife“ zeigt das Wort seine Sonnenseite, wenn man es so nennen will. Klar auch, dass "Pfeife“ zu den Begriffen für das männliche Geschlecht zählt.

Nur der "Anpfiff“ bleibt wertneutral.

Ganz anders ergeht es dem englischen Pendant: "whistle“. Dieses Wort lässt schon immer ans Heitere denken. "Whistle“ tut man, um Freude auszudrücken. Früher war es Mode, dass Männer attraktiven Frauen "hinterherpfiffen“. Das gilt heute mit Recht als sehr unfein. "Wolf whistle“ sagte man dazu. (Der "Wolf“ als Schürzenjäger). Oder man man kann seine "Pfeife befeuchten“ ("to wet one’s whistle“). Das heißt: einen trinken. "Einen pfeifen“ gibt es im Deutschen ebenfalls in diesem Sinn – allerdings eine sehr alte Redewendung aus dem 16. Jahrhundert.

Und natürlich pfeifen wir Amerikaner gerne im Ballett, im Konzert und in der Oper. Das gehört einfach zum guten Stil.

Doch nun ist das neue Zeitalter des freudigen Pfeifens auch in Deutschland angebrochen – auch wenn man es bisher kaum bewusst registriert hat. Es hat mit der oben geschilderten neuen Bewertung des alten Pfeiftons angefangen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die neuen Redewendungen weniger schrill klingen.

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