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Schon wieder die Affensprache

Er hieß Richard Lynch Garner und lebte von 1848 bis 1920. Schon als Kind träumte er davon, die Sprache der Tiere zu erlernen. Er war nämlich überzeugt, dass die grunzenden, kreischenden, pfeifenden und sonstigen Laute, die die Tiere von sich geben, sinnvoll seien und nicht weniger als Sprache gelten sollten, als das, was wir Menschen über die Lippen bringen.

Am meisten waren es aber die Affen, die sein Interesse erweckten. Immerhin handelte es sich um die menschenähnlichsten aller Geschöpfe dieser Erde. Um 1885 begann er fast täglich den zoologischen Garten der Stadt Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio zu frequentieren, um die Affen und ihre Sprache aus der Nähe zu erforschen.

Was heute wenig bekannt ist: Damals waren Affen Mangelware in den amerikanischen (und den europäischen) Tierparks (die Menschenaffen fehlten fast vollständig). In den meisten Zoos gab es nur putzige Kapuzineräffchen zu bewundern. Garner stand vor dem großen Affenkäfig und folgte den Umtrieben der menschenähnlichen Kleintiere – stets auf der Suche nach dem Schlüssel zur Affensprache. Vergeblich.

Zumindest fast vergeblich. Im Nachbarkäfig hauste nämlich ein Mandrill, ein Affe aus der Pavianfamilie – sicherlich eine Riesenattraktion in den damaligen Tierparks. Die Kapuzineräffchen hatten Angst vor dem großen, grantigen Anrainer und überwachten ihn auf Schritt und Tritt. Manchmal schnatterten sie etwas, als würden sie einander den jeweiligen Aufenthaltsort des Mandrills mitteilen. So jedenfalls deutete Garner die Laute, konnte diese aber leider nicht näher ergründen.

Später bereiste er die größten Tiergärten Amerikas – in New York, Philadelphia, Chicago und Washington – stets auf der Suche nach einer Möglichkeit, den "Kapuziner Code“ zu knacken. In Washington kam er auf die Idee, von den Lauten eines weiblichen Kapuzineräffchen mit einem Phonographen – einer damals nagelneuen Erfindung – eine Tonaufnahme zu machen. Nun spielte er die weibliche Stimme einem männlichen Äffchen vor und stellte fest, das Männchen zeigte alsbald Interesse. Leider konnte Garner noch immer keine "Einzelwörter“ erkennen. Anschließend machte er eine Aufnahme der Stimme des Männchens und spielte diese dem Weibchen vor. Sie reagierte aber gar nicht. Erneut eine Enttäuschung für den Forscher.

Er ließ sich aber mitnichten entmutigen, und bald glaubte er doch einige "Vokabeln“ richtig erkannt zu haben. Zum Beispiel etwas, das wie ein kehliges "chööö!“ klang. Das sollte, so meinte er, "trinken“ oder "Durst“ bedeuten. Darüberhinaus glaubte er ein „Wort“ verstanden zu haben, das mit "Alarm!!!“ zu übersetzen wäre: Es klang wie ein "hohes-F fortissimo“ Geschrei. Als er dieses "Wort“ in der Gegenwart eines zahmen Äffchens namens Jokes ausprobierte, erschrak sich das arme Tier so sehr, dass es ihm lange aus dem Weg ging.

Schließlich glaubte er das "Wort“ für "Speise“ verstanden zu haben. Er hielt es für das "Sesam, Sesam öffne dich“ schlechthin der Kapuzineräffchenwelt. Denn mit dieser "Vokabel“ konnte er die Aufmerksamkeit eines jeden Kapuzineräffchens auf sich ziehen. Wie "Speise“ auf Kapuzinerisch klingt, hat er uns leider nicht verraten. Es sei zu kompliziert, dass man es beschreiben könnte, meinte er.

Garner erzählte von seinen Bemühungen um die Affensprache in seinem 1900 in deutscher Sprache erschienenem Buch "Die Sprache der Affen“ (natürlich aus dem Englischen übersetzt). Er war übrigens überzeugt, dass alle Kapuzineräffchen – egal wo sie lebten – die gleiche Sprache redeten.

Ich bin sicher, dass Garner recht hat, dass Affen "Wörter“ wie "Alarm“, "Essen“ und "Trinken“ kennen. Warum nicht? Damit hat man aber, so meine ich, die Möglichkeiten der natürlichen Affensprache erschöpft – mit Ausnahme vielleicht eines "Wortes“ das "ich bin der Stärkere, ich nehm mir das Weib!“ oder "Kind, benimm dich!“ bedeutet.

Garners Faszination für die Affen kannte keine Grenzen: 1892 traf er in Gabon ein, um seine Suche nach der Affensprache weiter zu betreiben. Er kaufte sich einen jungen Schimpansen namens Moses und bezog mitten im Urwald mit dem Tier und einem eingeborenen Jungen einen großen Käfig. Dort versuchte er seinem Moses die Menschensprache und Tischmanieren beizubringen. Leider zeigte sich der Affe nur wenig wissbegierig. Ein Fiasko das Ganze? Keinesfalls. Mensch und Menschenaffe lernten sich heiß und innig lieben – jeder freilich auf seine Art.

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