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Vom Zählen erzählen

"Wie zählt man Kokosnüsse?“ fragte mein Kollege Tobias Hürter im Januar in der "Süddeutschen Zeitung“.

Klar, dass man auf eine derartige Fangfrage neugierig wird. Denn man kann darauf zählen, dass nicht "eins“, "zwei“, "drei“ usw. als Anwort erwartet wird.

Kollege Hürter zitiert in seinem Artikel eine neue Studie mehrerer Psychologen der Universität Freiburg in "Science“ (Band 319, 2008). Diese hätten vier verwandte polynesische Sprachen unter die Lupe genommen und festgestellt , dass die Sprecher der jeweiligen Sprachen unterschiedlich zählten. Maßgebend für das Zählsystem sei die gesellschaftliche Struktur der eigenen Kultur. Das klingt irgendwie logisch.

Beispiel: Die Sprecher einer dieser Sprachen leben seit Urzeiten auf Neuguinea. Im Wortschatz ihrer althergebrachten Sprache findet man nur Zahlen bis fünf: d.h., so viel Zahlwörter wie man Finger an einer Hand hat. Auch das klingt logisch. Hat man sieben Kinder, so sagt man, "Ich habe fünf plus zwei Kinder.“ Wahrscheinlich hatte der Stamm, der diese Sprache spricht, kein Bedürfnis, Information über große Zahlen zu vermitteln. Die Betonung liegt hier auf "hatte“. Denn die fehlenden Zahlen in der eigenen Sprache werden heute mit Hilfe des in dieser Gegend weit verbreiteten Pidgin-Englisch ergänzt.

Die Sprecher einer verwandten polynesischen Sprache seien hingegen mit allerlei Zahlen bestens bestückt. In diesem Fall handele es sich um Inselbewohner, die sich vor längerer Zeit zu einem Handelsvolk gemausert hätten. Auch das klingt logisch. Wer Handel treibt, der muss sich mit Zahlen auskennen.

Aber jetzt zu den Kokosnüssen. Die Bewohner dieser exotischen Südseeinsel haben sich, wie wir erfahren, für die verschiedenen Waren unterschiedliche Zählsysteme und Zahlwörter ausgedacht. Das heißt: Wenn man Kanus zählt, benutzt man einen anderen Wortschatz als für Kokosnüsse. Im Fall von den Kokusnüssen ist die Sache besonders raffiniert, und hier der Clou: Man zählt sie ausschließlich in Paaren! Zwei, vier, sechs, acht usw. Darauf wäre ich nie gekommen.

Kollege Hürters Artikel führte mich dazu, selbst einige Recherchen über Zahlen anzustellen. So habe ich, zum Beispiel, entdeckt, dass Sprecher der Nunggubuyu-Sprache in Australien ebenfalls nur bis fünf zählen. Konkret sieht das bei ihnen folgendermaßen aus: "eins“, "zwei“, "zwei plus anderes“, "zwei zwei“ und "hand eins“. Höhere Zahlen werden beim Nunggubuyu-Volk durchs Addieren ausgedrückt. Zahlen über zwanzig sind in dieser Sprache (besser gesagt, waren) die Ausnahme. Seit dem 19. Jahrhundert verwenden Nunggubuyu-Sprecher nämlich Importzahlwörter eines indonesischen Handelsvolks.

Nebenbei: Einer der berühmten "sprechenden“ Affen, ich glaube, es war der vor kurzem verendete Washoe, hat auch das Zählen gelernt. Nur bis zwei oder drei allerdings. Alles darüber drückte er mit "viel“ aus. So gesehen: Die Zahl seiner Finger hatte ihn – anders als uns Menschen – nicht interessiert.

Zu Bedenken: In unseren europäischen Sprachen gibt es Hinweise, dass auch wir nicht immer Milliardäre waren. Warum sagt man auf Deutsch, zum Beispiel, "elf“ und "zwölf“ anstatt "einzehn“ und "zweizehn“? Ganz klar: Weil die Urgermanen ein Zwölfersystem benutzten, um zu zählen. Und warum sagen die Franzosen "quartre-vingt“ (sprich "viermalzwanzig“) für achtzig? Weil sie einst ein Zwanzigersystem bevorzugten. Das Wort "Hundert“ bedeutete einst – so meint Kluge (“Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“) – "Zehnerschaft“, d.h., lauter Zehner aneinandergereiht. "Tausend“ habe ursprünglich den Sinn von "groß“ oder "gewaltig“ gehabt.

Für heute genug er-zählt. Frohe Ostern.

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