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Alle Sprachbloggeur sind Lügner

Wer kennt noch heute Epimenides?

Er lebte ca. 600 v.Chr. in Kreta, war Philosoph (wenn man damals dieses Wort überhaupt verwendete) und soll gesagt haben: „Alle Kreter sind Lügner“. Der Spruch wurde in der Antike zum Evergreen. Auch Paulus wetterte gegen die lügnerischen Kreter.

Nur: Möglicherweise haben wir es hier mit einem uralten Witz zu tun. Bedenken Sie: Man hat in der griechischen Antike nicht nur Tragödien, Epen und Kömödien geschrieben, Kriege geführt, geliebt, gegessen usw., man hat sich auch Witze erzählt. Ja, auch die Griechen waren nur Menschen.

Wenn ein Kreter behauptete, dass alle Kreter Lügner seien, war das in der Antike sicherlich ein richtiger „knee-slapper“ wie wir in Amerika sagen. Man lacht so heftig, dass man sich aufs eigene Knie haut.

Heutige Schlaumeier bezeichnen diesen berühmten Kalauer ehrfürchtig als „Epimenides Paradox“, was wie der Name einer Schachstrategie im Mittelspiel klingt.

Doch die Witze sind heute nicht mein Thema. Ich möchte vielmehr über den Unterschied zwischen einem Lügner und…tja…was ist denn das Gegenteil von „Lügner“? „Wahrsager“ wohl nicht, denn auch sie lügen. „Wahrheiter“? „Wahrheitsprechender“? „Einer, der die Wahrheit sagt“? Komisch. Es gibt einen schönen, knappen Begriff, um jemanden, der sich in Unwahrheiten verwickelt, zu beschreiben. Ein Ehrlicher bleibt hingegen stets außen vor. Ich glaube, ich habe schon wieder in einem Satz die Geschichte der Welt erzählt.

Vor mehreren Wochen hatte ich mir einen Artikel aus der International Herald Tribune ausgeschnitten. Das mache ich immer, zwecks meines schlechten Gedächtnis, wenn ich etwas beruflich „ausschlachten“ will. Nun finde ich den Ausschnitt nicht mehr und muss versuchen, den Inhalt aus dem Gedächtnis zu holen. Im Artikel ging es jedenfalls um den Unterschied zwischen den Aussagen der Lügner und derjenigen, die nicht lügen.

Der Inhalt entstammte, glaube ich, einer Studie der Polizei, des FBI oder der CIA – ich weiß es nicht mehr. Es hieß jedenfalls, dass die Aussagen der Lügner besser gegliedert seien als die der Nichtlügner. Eigentlich logisch. Einer, der lügt hat Interesse, seine Geschichte so glaubhaft wie möglich darzustellen. Er baut an seiner Story nach Art des Schriftstellers.

Wer hingegen die einfache Wahrheit wiedergeben wolle, verwickele sich schneller in Widersprüche. Er achte nämlich weniger auf Details als der Lügner. Auch klar - er will lediglich, das Gedächtnis wachrufen. Doch im Unterschied zum Lügner erzähle er manches tatsächlich viel detailierter als der Lügner – wenn auch weniger eloquent.

Das kann also nur bedeuten, dass die Wahrheit ein Rohstoff ist, die Lüge hingegen ein Kunstwerk.

Auch das klingt logisch.

Ich denke an Hesiod. Er lebte im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Böotien und ließ in einem Gedicht die Musen – notabene die Musen, die Damen also, die für die Kunst zuständig sind – deklarieren:

„Hirten vom Lande, ihr Lumpengesindel und lediglich Bäuche,/ seht, wir reden viel Trug, auch wenn es wie Wirklichkeit klänge,/ seht aber, wenn wir gewillt, verkünden wir lautere Wahrheit.“

Jawohl. Das hat jemand vor 2700 Jahren geschrieben.

Und nun eine Fangfrage: Habe ich gerade die Wahrheit erzählt oder Ihnen lauter gutschmeckende Lügen aufgetischt? Mit dieser Frage erzähle ich schon wieder die Geschichte der Welt. Schöne Grüße von Epimenides soll ich ausrichten.