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Deutschland sucht eine Arbeitsstelle usw.

Gott schütze das „Ding“, ein Wort wie ein extra Koffer. Man hat ihn immer dabei für den Notfall. Man kann nie wissen, wann einem die Wörter fehlen. Man hat deshalb jederzeit das „Ding“.

Ein Geschenk des Himmels! Alles kann ein „Ding“ sein. Und das Schönste: Diese Vokabel ist nie hochnäsig, gschamig oder sexistisch. Nein, das „Ding“ ist stets ein bescheidener Diener. Es richtet sich nach Ihren Wünschen.

Genauer gesagt: Das „Ding“ ermöglicht Unpräzision. Nein, noch besser. Das „Ding“ zelebriert die Unpräzision geradezu!

Ich komme nur über einen Gedankensprung auf dieses praktische Wort – so praktisch wie ein Schweizer Messer – zu sprechen. Ich habe mir gestern nämlich, als ich in den Medien ständig mit der Saga vom Mauerfall usw. berieselt wurde, Gedanken über die Unpräzision gemacht. Ich hatte mich erinnert, wie man damals, als die Mauer noch stand, die Begriffe „Kommunismus“ und „Freiheit“ gerne als Gegensätze darstellte. Nur wenige erkannten den logischen Fehler, die Unpräzision dieser Zusammenstellung also.

Denn das Gegenteil von „Kommunismus“ ist – wie jeder heute weiß – „Kapitalismus“. Das Gegenteil von „Freiheit“ ist „Sklaverei“ oder „Unterdrückung“ usw. Vielleicht war diese Ungenauigkeit aus propagandistischen Gründen gewollt. Keiner wäre damals auf den Gedanken gekommen, sie mit dem dienlichen „Ding“ zu ersetzen.

Heute gibt es kaum mehr das, was man früher „Kommunismus“ nannte. Und längst hat es sich in unseren Köpfen gesetzt, dass der „Kapitalismus“ in der Tat mit „Freiheit“ gleichzusetzen ist. Immerhin: Es ist der Kapitalismus, der uns die „freien“ Märkte ermöglicht hat usw. Erst vor wenigen Tagen hat Lloyd Blankfein, Chef von Goldman-Sachs, in einem Interview in der „Sunday Times“ verkündet: „Banken verrichten Gottes Werk“. Falls Sie das Interview nicht gelesen haben, sollen Sie wissen: Ich habe dieses Zitat nicht erfunden. Gottes Werk dreht sich also um den Mehrwert.

Sie merken schon: Ich drifte immer weiter vom „Ding“ ab. Aber so ist es mit den Gedankensprüngen. Und damit komme ich zur nächsten Stufe meiner Suche nach der Formen der Ungenauigkeit. Auch Folgendes habe ich nicht erfunden. Ich habe es aber aus dritter Hand (einer Freundin meiner Frau) gehört, und deshalb bleibe ich mit den Fakten selbst ein bisschen unpräzise:

Eine namhafte Mobiltelefonfirma – wir nennen sie „Ding“, weil ich hier den Namen nicht verraten kann – hat vor wenigen Tagen verkündet, dass sich alle Mitarbeiter einer bestimmten Niederlassung um ihre Arbeitsplätze neu bewerben müssen. Das kommt meines Erachtens einer Kündigung der gesamten Belegschaft gleich. Umso mehr, weil nur 50% der Bewerber den alten Arbeitsplatz zurückbekommen sollen. Diese Neubewerbung veranstaltet die Firma offenbar alle zwei Jahre. So wurde es jedenfalls mir erzählt.

Die Art der Bewerbung ist aber erwähnenswert: Die Mitarbeiter müssen mit einer öffentlichen Präsentation für den Erhalt des Arbeitsplatzes plädieren. Man müsse also für die eigene Unentbehrlichkeit argumentieren. Die Mittel bleiben ihm (oder ihr) überlassen – also „Powerpoint-Präsentation“, Slideshow usw. Hauptsache er (oder sie) leistet erfolgreiche Überzeugungsarbeit.

Es erinnert ein bisschen an „Deutschland sucht einen Superstar“, nicht wahr? Oder an einen Gladiatorenkampf. Offenbar hat diese Aussortierung der Mitarbeiter vor zwei Jahren gut funktioniert. Die Firma hat also gute Erfahrungen mit dieser neuen Art der Arbeitsplätzereduzierung gemacht. Vielleicht handelt es sich um ein zukunftsträchtiges Modell. Wer weiß?

Jetzt sind wir aber weit entfernt von der Welt des „Dings“ gelandet. Schade. Über die Ungenauigkeit zu schreiben erfreut mich allemal mehr als Gedankensprünge in Richtung Arbeitsmarkt der Zukunft zu machen.

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