Letztes Jahr, nachdem in meinem Arbeitszimmer vier wuchtige und in Doppelreihen beladene Bücherregale innerhalb von zehn Sekunden einstürzten, habe ich mich gleich versprochen, und zwar Rilke zitierend: „Du musst dein Leben ändern“, was ich auch getan habe. Dennoch ein Schock.
Innerhalb vier Wochen entsorgte ich ca. 1200 Bücher auf Nimmerwiedersehen. Bis jetzt trauere ich so gut wie keinem nach – auch wenn viele sehr gute Bücher waren.
Ich erzähle dies, weil ich neulich an eins dieser Bücher gedacht habe, ein Wörterbuch der dt. Schweinereien, das ich seinerzeit im Nachlass meines Schwiegervaters mitgenommen habe. Es war ein dickes Werk, und wie ein wahrhaftiges Wörterbuch organisiert – zumindest so habe ich es in Erinnerung – voll mit ganzen Listen Synonymen für Geschlechtsverkehr, Genitalien und dergleichen.
Eigentlich habe ich in dieses Nachschlagwerk nur selten geschmökert. Vielleicht hätte ich es heute für diese Glosse konsultiert. Oder vielleicht eben nicht.
Aber egal. Anlass für diese Glosse ist eine Beobachtung, die ich seit einiger Zeit mache: Mir fällt nämlich auf, dass diverse Schimpfwörter und sonstige Schweinereien immer häufiger in der Tagespresse, der Wochenpresse und selbstverständlich in den social Medien zu lesen sind. Oft werden sie allerdings mit Sternchen versehen. Ja, mit dem gleichen Sternchen, das man verwendet, um Wörter gendergerecht zu gestalten.
Beispiel „F*ck“ oder „sh*t“, „Sch*ße“ u.v.a.m.
Als ich vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen bin, stellte ich fest, dass die meisten Deutsche viel entspannter mit derben Vokabeln umgingen als damals die Mensch*innen in der angelsächsischen Welt. Auch im Fernsehen war das der Fall. „Scheiße“ hat man nicht selten gehört. Klar, nicht in der Tagesschau oder bei Dalli Dalli oder Aktenzeichen XY aber sonst ja doch.
Heute ist alles anders – vor allem in den prüden USA. Zum Beispiel folgende Aussage des US-Vizepräsidenten Vance, als er neulich in Grönland ankam. Er stieg aus dem Flugzeug aus und sagte vor laufender Kamera: „It’s p*ss cold here.“ „P*ss“ bedeutet natürlich „piss“.
Hmm. Eine komische Redewendung. Warum sollte Urin kalt sein? Eher warm bis heiß würde ich denken. In meiner Jugend sagte man in den USA übrigens „colder than a witch’s tit“.
Der Gebrauch des Anstandssternchens ist dennoch – zumindest in den Medien de rigueur. Das gilt sowohl für die anglosächsische Presse wie auch die deutsche. Eigentlich komisch. Früher waren, wie oben gesagt, die Deutschen weniger prüde. Vielleicht liegt es an den social Medien. YouTube (amer. Firma) ist voller Sternchen…und „Sternchen“. Dieses Zeichen ist gewissermaßen eine Erinnerung, dass die Sittenwächter stets wachsam bleiben.
Kleine Abwandlung: Sprachgeschichtlich sind „fuck“ und „fick“ nicht im geringsten miteinander verwandt. „Ficken“ ist ein altes germanisches Wort für „reiben“. „Fuck“ ist mit dem lateinischen „futuere“ („Geschlechtsverkehr haben“) verwandt. Und: „Fuck“ und „futuere“ sind letztendlich mit dem „fu“ in „future“ verwandt! Die ursprüngliche Bedeutung lautet „entstehen“.
Ach ja, und noch etwas: In der dt. Sprache hat man ein „Du“ und ein „Sie“ um zwischen intim und höfflich zu unterscheiden; auf Englisch macht man das gleiche mit derben Wörtern. Will heißen: Man verwendet Schweinereien nur dann, wenn man den anderen so zu sagen „duzt“. In allen anderen Situationen gelten diese Wörter als Ausdruck einer Aggression.
Aber egal. Nun werde ich plötzlich neugierig zu wissen, wie viele Synonyme für Geschlechtsverkehr es gab im entsorgten Wörterbuch meines Schwiegervaters. Sch*ße nachzuschlagen wäre noch interessant gewesen, oder vielleicht doch nicht. Um mit Rilke zu reden: Ich habe mein Leben schon geändert.
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