Viele zusammengepferchte Menschen, laute Musik, rege Gespräche in einer kleinen, dunklen und verwinkelten Räumlichkeit. Wahrscheinlich eine Kneipe oder ein Klub. Die Luft ist schlecht und schwer.
Ich, damals Neuling in der deutschen Sprache, sage zu Etta, die neben mir steht: „Ich bin warm.“
Etta kichert und lächelt mich an: „Nein Schätzchen, so darfst du das nicht sagen. Du denkst Englisch. Auf Deutsch heißt das, dass du von der anderen Seite wärst … Verstehst du, wie ich das meine?“
Ich blicke sie ahnungslos an.
„…dass du schwul bist, also homosexuell…“
„Was muss man dann sagen?“ frage ich.
„Mir ist warm.“
Erste Lektion also im Wörterbuch der deutschen Homosexualität.
Bald lerne ich auch „schwul“, „Schwuler“, „Schwuchtel“, „Tunte“, „warmer Bruder“ und natürlich „Homo“.
Habe ich etwas vergessen? Mit Sicherheit. Aber so lauteten die geläufigsten Begriffe eines anderen Zeitalters.
Achtung: Obige Vokabeln beziehen sich ausschließlich auf gleichgeschlechtliche Männer. Über weibliche Homosexuelle war damals ohnehin kaum die Rede. Für die meisten blieben sie unbeachtet. Wenn überhaupt sagte man dann „Lesbe“ – nach der Insel Lesbos, wo die Dichterin Sappho einst lebte, über deren wahren Sexualität im Grunde wenig bekannt ist.
Doch das war damals. Heute hat man eine ganze Palette von Begriffen, um die Gleichgeschlechtlichkeit zu beschreiben. Obendrein ist dieser Wortschatz höchstdifferenziert und lässt sich im Akronym LGBTQA+ zusammenfassen.
Achtung: Das Plus zeigt an, dass wir mit noch Variationen rechnen können.
Fragen Sie aber das göttliche Google, falls Sie die Einzelbegriffe erläutert bekommen möchten. Mich interessiert momentan nur „queer“. Denn ich kapiere den Sinn nicht mehr.
Neulich bat ich eine „queere“ Frau um eine Erklärung. Ich werde sie hier nicht wiedergeben, weil ich sie nicht verstanden habe.
Fest steht: „Queer“ ist mit dem deutschen „quer“ verwandt und bedeutete ursprünglich „schräg“ oder „ungewöhnlich“. Auch heute darf man sagen (oder man liest es in alten Büchern): „I had a queer feeling.“
Es war In meiner Jugend wahrlich kein freundliches Wort, wenn man einen homosexuellen Menschen so bezeichnete. Aber dann schlug die Stunde des berühmten „Stonewall Aufstands“ am 28. Juni 1969, und alles wurde sogleich anders.
Es war um diese Zeit, das Homosexuelle den Begriff, „gay“ zu verwenden begannen, um ihre sexuelle Identität preiszugeben. Früher meinte man mit diesem Wort „fröhlich“, aber das wissen Sie. Das unbeliebte Schimpfwort „queer“ war jedenfalls out.
Übrigens: Wissen Sie, worum es vor der Stonewall ging? Ich doch.
An diesem Tag starb nämlich die berühmte Sängerin und Schauspielerin Judy Garland, die, da sie of sehr sentimentale Ohrwürmer sang, bei amerikanischen Schwulen sehr beliebt war. Eine Menschenmenge hatte sich an diesem Abend vor der Schwulenkneipe „Stonewall“ in der Christopher Street (damals gab es auf dieser Straße viele schwulen Kneipen) versammelt, um ihre Betroffenheit bzgl. des Todes Judy Garland zu bekunden.
Es kam plötzlich die Polizei, um den Lärm zu dämmen. Nichts Ungewöhnliches. Doch Überraschung: Die Trauernden reagierten spontan mit einem Aufstand…the rest is history.
So kam die Schwulenbewegung zustande, und bald breitete sie sich auch in Europa und anderswo aus (aber noch nicht in Saudi-Arabien, im Iran usw.).
Und jetzt wissen Sie beinahe alles, was Sie zu diesem Thema zu wissen brauchen…
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