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Warum „Ja“ die gefährlichste Vokabel in der deutschen Sprache geworden ist

Es war einmal eine Zeit, als es noch keine Handys gab.

Man war zuhause. Vielleicht beim Zähneputzen oder Geschirrspülen, oder vielleicht hockte man im Wohnzimmer auf dem Sofa und las beim Lampenschein in einem Buch.

Plötzlich klingelte es. Meistens musste man aufstehen – denn das Telefon war mit einem Kabel an einem fixen Platz verankert – und man ging ran.

Man meldete sich mit „Schmidt“ oder „Eisenstadt“, oder „Weber“ usw. je nachdem, wie man hieß. War man nur zu Besuch im Hause, fügte man „bei“ hinzu. Also „Bei Schmidt…“ usw.

Die Wagmutigsten sagten lediglich: „ja, bitte?“ – ohne einen Namen zu verraten.
Der Telefonierende hingegen eröffnete das Gespräch folgendermaßen: „Grüß Gott Blumenthal“ falls er „Blumenthal“ hieß und in Bayern lebte. Sonst sagte er oder sie „Guten Tag XY“ oder „Tag“ oder „Tach“ mit Nachnamen.

Mir persönlich kam all dies damals fremd vor. Denn ich Amerikaner wurde mit anderen Telefonbenimmregeln eingeimpft. Wir sagten, wenn es klingelte, lediglich „hello?“. Keine sonstige Info.

Die Franzosen tun es ähnlich: „Allô?“ sagen sie. Die Spanier bleiben bei einem „Dígame“, also „sagen Sie mir“. Manchmal sagen sie „sí?“, also „ja?“. In Italien heißt es „Pronto?“, also „bereit“ oder „fertig“.

Doch warum heute eine Meditation über Telefonmanieren? Ganz einfach: Weil alles mittlerweile komplett anders geworden ist.

Was mich betrifft: Ich wollte mich mit Nachnamen am Telefon nie melden. War mir zu exotisch. Doch auch mein angestammtes „hello“ passte nicht so richtig damals in der hiesigen Welt. So schien es mir jedenfalls. Also habe ich mir eine höchstpersönliche Herangehensweise ausgedacht. Ich ging ans Telefon und sagte im freundlichen Sington: „Jaa-aa?“

Das war damals. Nun muss ich endgültig damit aufhören.

Vielleicht haben Sie im KI-Zeitalter die Gründe für diese Entscheidung bereits erraten.

Denn heute muss man peinlichst genau auf die Robo-Anrufe achten.

Robo-Anrufe? Jawohl! Upps. Schon wieder muss ich mit dem „Jawohl“ aufpassen. Fakt ist: Das „Ja“ – in allen Formen – ist für Unwissende zu einer wahren Gefahr geworden.

Man geht ans Telefon und sagt: „Ja“. Der Anrufer legt alsbald auf oder redet einen Unsinn, und siehe da: Im Nu hat man einen Kühlschrank bestellt, oder einen Vertrag beim Fitnessstudio oder ein Abo für eine Zeitschrift abgeschlossen.

Ja, das „Ja“ ist eine sehr gefährliche deutsche Vokabel geworden.

Ihr „Ja“, wenn sie ans Telefon gehen, wird nämlich mitgeschnitten und dient dann durch raffiniertes Editing als Zusage für eine beliebige Bestellung.

Klar ist das kriminell, und wahrscheinlich kann man das – falls man die Frist nicht versäumt hat, erfolgreich anfechten.

Manche tun das aber nicht, und es bleibt bei einer unerwünschten Bestellung.
Ja, liebe Ja-Sager und Ja-Sagerinnen, willkommen in den frühen Jahren des digitalen Zeitalters! Eine Kinderkrankheit dieses neuen Zeitalters ist die oben geschilderte Unannehmlichkeit. Dennoch eine Krankheit.

Was mich betrifft: Ich bin dabei, das einst so vertraute „Hello?“ wieder einzuüben.

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