Ich bilde mir ein, ich hatte schon mal etwas über diesen düsteren Begriff geschrieben. Leider hab ich vergessen. Zumindest aus dem Stegreif. „Aus dem Stegreif“? Steigt man da in den Sattel hoch oder von ihm runter?
Doch erst über die Vergesslichkeit und dann über „Doomscrolling“. Heute hatte ich mich entschlossen, eine Schublade meines Schreibtisches zu entrümpeln. Das mache ich manchmal am Schreibtisch gern, um auch quasi im Kopf Ordnung zu schaffen. Klingt vielleicht ein wenig abergläubisch…
Aber so what. Das Resultat sieht zwar nicht gerade hübsch aus, dafür aber habe ich einiges neu organisieren und anderes entsorgen können.
Ein Problem allerdings: Ich hatte mir eingebildet, dass sich in dieser Schublade a) wichtige Papiere für meinen Motorroller und b) Ersatzteile für meinen mechanischen Bleistift befinden. Sie waren partout nicht da.
Wahrscheinlich hatte ich sie irgendwann an einen „sicheren Platz“ verlegt. Kommt mal vor. Aber wohin? So ist es mit der Vergesslichkeit.
Und nun zum „Doomscrolling“.
Ich bin überzeugt, Sie wissen längst, was das bedeutet. Denn dieser Begriff genießt momentan sehr große Beliebtheit. Hat sogar innerhalb kurzer Zeit den deutschen Pass bekommen: „doomscrollen“, heißt das, ist aber kein trennbares Verb. Man sagt ich nicht „Ich scrolle am Phone doom“. Aber das wissen Sie schon. Ich bin der Ausländer, Sie nicht.
Wird gedoomscrollt, glotzt man im WehWehWeh und konsumiert so viele Berichte wie möglich, die die Botschaft vermitteln: O je, wir stecken in der tiefen Scheiße. Auf Englisch: „Jeez, we’re in deep shit“.
Düsterer Pessimismus.
Warum dieser Pessimismus? Gute Frage.
Vielleicht entsteht es, weil sich einige ein bisschen Aufmerksamkeit wünschen. Da jeder sein „content“ auf Instagram, X, YouTube, TikTok, Substack usw. ausscheiden darf, fallen manchen nur Negatives ein.
Komisch, wenn man bedenkt, dass es uns besser geht als je zuvor in der ganzen Menschengeschichte. Naja.
Und so produzieren Meckerer das Zeug, das die „Doomscroller“ doomscrollen.
Alles klar?
Ach, nebenbei: Den Begriff gibt es bereits ca. acht Jahre. Das sind sehr viele Internetjahre.
„Doom“ ist übrigens eine schöne altenglische Vokabel und bedeutete ursprünglich „Gerichtsurteil“. Der „jüngste Tag“ heißt auf Englisch „Doomsday“, Tag des Gerichtsurteils.
„Scroll“ ist das, was Sie tun, wenn Sie im WehWehWeh mit den Daumen unentwegt nach Neuem suchen. „Scroll“ bedeutet auch „Schriftrolle“. Und irgendwie ist das Internet – vor allem am Phone – eine Art elektronische Schriftrolle. Im Altenglischen war ein „scroll“ (damals mit anderer Schreibart) ein „Fetzen“ oder „Lumpen“.
Schade, dass „scroll“ sprachgeschichtlich nicht mit „schrullig“ zusammenhängt. Denn das „Doomscrolling“ ist irgendwie etwas Schrulliges.
Und nun habe ich alles zum Thema erzählt, das ich vorhatte. Hoffentlich finde ich jetzt die Papiere und Ersatzteile, die mir abhandengekommen sind. Bitte nicht doomscrollen…
Add new comment