Unser Dorf ist klein und liegt weit entfernt von der Kreisstadt. Eine Straße, breit genug für einen Wagen, führt dahin. Allerdings nicht auf direktem Weg. Erst muss man drei verschiedene Weggabelungen hinter sich bringen. Es gibt dort allerdings keine Schilder. Die will man immer anbringen. Bisher bleibt es lediglich bei der guten Absicht. Man muss sich deshalb einprägen, dass man sich an der ersten nach links an den anderen nach rechts hält. Wer diese Reihenfolge durcheinanderbringt – und dies geschieht leider alllzu oft, hat mit Konsequenzen zu rechnen. Denn er stößt wieder auf ganz andere Weggabelungen, und diese führen nicht in die Kreisstadt, sondern zum Fluss. Und er liegt erst recht in der falschen Richtung.
Warum erzähle ich all dies?
Einfach um zu unterstreichen, wie isoliert wir leben. Und weil man sich den weiten Weg zur Kreisstadt so oft wie möglich ersparen möchte, erfahren wir sehr wenig übers Leben in der Außenwelt. Umso mehr sind wir auf Berichte angewiesen, die uns Reisende, die sich in unser Dorf verirrt haben, mitteilen. Wohl sind sie nur deshalb zu uns gekommen, weil auch sie den verkehrten Weg gegangen sind.
Diese Situation ist nicht ohne Folgen: Wenn wir eine Nachricht von „draußen“ hören, können wir zumeist nicht unterscheiden, ob wir die Wahrheit oder Lügen erfahren haben.
Einmal, zum Beispiel, erzählte uns ein Verirrter, dass ein fremdes Heer auf seinen Weg in eine weitentfernte Kampfzone unser Dorf demnächst erreichen und alles dem Erdboden gleich machen würde.
Manche Nachbarn waren ob dieser Nachricht so aufgebracht, dass sie ihr ganzes Hab und Gut auf Wägen verluden und in Richtung Fluss fuhren, um sich in Sicherheit zu bringen. Es kam aber derzeit eine Überschwemmung und sie wurden mit allem sonst weggeschwemmt.
Einmal geschah es, dass der depperte Sepp sein Haus in Brand gesetzt hatte und sich selbst dann ins Feuer warf.
Tja. Was soll ich sagen? Manche, die sich in unser Dorf verirren, sind schlichtweg Wichtigtuer, Lügner, Bösewichte, Verrückte – oder bloß Schmeichler, die uns etwas zu verkaufen haben…
Halt!
Nein. Ich will hier keinen Roman über das Leben, wie es tatsächlich vor fünf oder sechs hundert Jahren vielerorts aussah, schreiben. Darüber gibt es bereits genügend Bücher.
Mir fällt dieses Bild vom Dorf nur deshalb ein, weil ich neulich zufälligerweise auf einen Artikel gestoßen bin, der über das neueste „Unwort des Jahres“ berichtete.
Dieses Jahr lautet besagtes Unwort…“Sondervermögen“! Wahrscheinlich haben Sie es bereits gewusst.
Als ich von diesem neuen „Unwort“ erfahren habe, dachte ich spontan: Nein das geht nicht! Wenn es nach mir ginge, muss das Unwort des Jahres „Nachrichten“ heißen.
Warum?
Ganz klar! Weil wir alle im oben beschriebenen Dorf wohnen und für unsere Information praktisch von den Erzählungen verschiedener Besucher angewiesen sind.
Eigentlich müsste man, jedes Mal wenn einer dieser verirrten Besucher bei uns einkehrt, sich fragen: Weiß er wirklich, wovon er redet? Macht er sich bloß wichtig? Lügt er mit Absicht? Oder erzählt er etwas, das tatsächlich Hand und Fuß hat?
Naja, nur ein paar Ideen …oder haben Sie etwa nicht gewusst, dass Sie in einem Dorf leben?
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